Die Gesundheit ungeborener Babys – ein kontroverses Thema

Webinar der GRN Gesundheitszentren Rhein-Neckar gGmbH befasste sich mit der medizinischen und ethischen Dimension der Pränataldiagnostik


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Für werdende Eltern ist es eine frohe Botschaft zu erfahren, dass ihr ungeborenes Baby gesund zur Welt kommen wird. Was aber, wenn bei der Vorsorgeuntersuchung Zweifel aufkommen und mittels Pränataldiagnostik lange vor der Geburt genetisch bedingte Fehlbildungen festgestellt werden? Diesen und anderen Fragen widmete sich die zweite Online-Veranstaltung am 1. Dezember im Rahmen der Vortragsreihe „Im Zentrum: Gesundheit“. Unter dem Titel „Wird unser Baby gesund sein?“ setzten sich Christiane Glöckner-Lang, evangelische Stadtpfarrerin in Sinsheim und Dekanin im Kraichgau sowie Dr. Thomas Schumacher, noch amtierender Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe an der GRN-Klinik Sinsheim, in einem gemeinsamen Webinar mit dem schwierigen und umstrittenen Thema auseinander.

Die Pränataldiagnostik ist heute ein selbstverständlicher Teil der Schwangerschaftsvorsorge. Unterschieden wird zwischen invasiven Methoden, wie zum Beispiel der Fruchtwasseruntersuchung (Amniocentese), und nichtinvasiven Methoden, zu denen auch der nichtinvasive Bluttest (NIPT) zählt. Mit diesem Test können bereits im ersten Drittel der Schwangerschaft genetisch bedingte Krankheiten des ungeborenen Kindes festgestellt werden. Christiane Glöckner-Lang erläuterte zu Beginn ihres Vortrags Vor- und Nachteile des Verfahrens. So sei der NIPT ein einfacher, sehr zuverlässiger Test, der ein gutes Gefühl und Sicherheit vermitteln könne. Doch was geschieht bei der Feststellung einer Fehlbildung? „Genau hier beginnt die ethische Dimension“, betont die Dekanin. „Die Eltern geraten in Konflikt darüber, ob sie die Schwangerschaft bei einer eventuellen Fehlbildung abbrechen oder sich für ein Leben mit einem behinderten Kind entscheiden sollen.“ Der Konflikt werde dadurch verstärkt, dass der Pränataltest auch falsch positiv oder falsch negativ sein könne und bestimmte Fehlbildungen nicht erkannt würden.

Die Stadtpfarrerin erläuterte in diesem Zusammenhang auch, dass die Auffassungen zwischen katholischer und evangelischer Kirche auseinandergehen, was die Frage betrifft, ob Pränataltests zukünftig als Kassenleistung abgerechnet werden sollten. In Deutschland zahlt die Kosten hierfür jede Patientin selbst. Das Thema wird derzeit kontrovers diskutiert. Dr. Thomas Schumacher vertritt die Ansicht, dass jede Frau ihre Entscheidung möglichst ohne Druck treffen können sollte, ohne dass über sie geurteilt wird. „Allerdings ist mir bei diesem Thema sehr wichtig, dass eben nicht nur medizinische, sondern auch gesellschaftliche und religiöse Aspekte beachtet werden“. In seinem Vortrag erklärte er die unterschiedlichen Testverfahren und erläuterte die rechtlichen Aspekte. Dabei betonte er besonders das Recht auf Nichtwissen. „Der NIPT ist ein Suchtest, kein Diagnostiktest. Wir suchen nicht gezielt nach Fehlbildungen, wenn Eltern dies nicht explizit wünschen“, sagt der Chefarzt.

Mit zunehmendem Alter der Mutter steige das Risiko für Fehlbildungen. In der Gruppe der Mitte-Zwanzigjährigen komme auf 1350 Neugeborene ein Kind mit Trisomie 21, während in der Altersgruppe der Mitte-Vierzigjährigen ein Baby von 30 davon betroffen sei. „In diesem Zusammenhang ist es besonders wichtig zu betonen, dass auch die Testergebnisse je nach Altersgruppe vollkommen unterschiedlich zu bewerten sind“, so der Gynäkologe. Ein auffälliges Ergebnis sollte gerade bei jungen Müttern stets durch einen invasiven Diagnostiktest, beispielsweise die Fruchtwasseruntersuchung, überprüft werden, da es bei dieser Zielgruppe mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit falsch-positiv sein könnte. Sein Appell: „Eltern sollten sich gut überlegen, ob sie das wollen und vor allem, wie sie dann reagieren.“

Beide Referenten waren sich darin einig, dass die Gesellschaft gefordert sei. „Der Druck, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, steigt mit den wachsenden medizinischen und technischen Möglichkeiten. In unserem Gesundheitswesen geht es nicht nur um Heilung, sondern auch um Prävention“, sagt Glöckner-Lang, die die Gesellschaft beim Thema Inklusion in der Pflicht sieht. Abschließend fragte sie, wie offen unsere Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen sei. „Wir verstehen Behinderung immer als defizitär, als einen Mangel oder Verlust, aber vielleicht können wir ja auch von Menschen mit Behinderung lernen?“

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