GRNplus Mai / 2023

34 Foto: RuprechtKarls-Universität Heidelberg Immer mehr Geburtskliniken oder geburtshilfliche Abteilungen schließen aus ökonomischen Gründen. Die Versorgung von Schwangeren in ländlichen Gebieten ist gefährdet. Dabei ist heute die Geburt in einer Klinik die Regel, eine Hausgeburt eher die Ausnahme. Die Klinikgeburt konnte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen die Hausgeburt durchsetzen. Bereits 1751 wurde das erste Entbindungshospital an der Universität in Göttingen gegründet. Schwangere für die Klinik zu gewinnen war schwierig: Sie mussten bereit sein, vor 40 Männern, den Göttinger Medizinstudenten, zu entbinden. Diese Situation war sehr schambehaftet für die Frauen – denn sich vor Männern zu entblößen, war in der Zeit sittlich sehr problematisch. Arme Frauen hatten kaum eine Wahl, viele von ihnen verdienten ihren Lebensunterhalt als Dienstmädchen und verloren, sobald ihre Schwangerschaft offensichtlich wurde, ihre Stellung. Sie hatten weder ein Haus, in dem sie entbinden konnten, noch eine Hebamme. Daher ließen sie sich auf eine Geburt im Entbindungshospital ein, da sie diese nicht bezahlen mussten. Für eine kostenlose Entbindung mussten sie sich für Forschung und Lehre zur Verfügung stellen. Sie versuchten sich jedoch den unangenehmen öffentlichen Geburten zu entziehen, indem sie heimlich auf dem Dachboden des Hospitals ihre Kinder zur Welt brachten. Frauen und Mädchen aus dem Bürgertum entbanden in der Regel zu Hause, sie nutzten das Entbindungshospital nur, wenn sie unehelich schwanger geworden waren. Für sie standen Hinterzimmer für heimliche Geburten zur Verfügung. Über ihr Schamgefühl diskutierten die männlichen Geburtshelfer ausgiebig. Die Frauen wurden vollständig bekleidet im Stehen untersucht. Der Geburtshelfer kniete vor der Frau und untersuchte sie mit abgewandtem Blick im Genitalbereich, unter ihren Rock tastend. Besonders das weibliche Becken galt es für die Professoren und Studenten zu erforschen: Viele Frauen hatten ein stark verengtes und verformtes Becken durch eine Rachitis-Erkrankung. Daher endeten Geburten bei diesen Frauen entweder mit ihrem oder dem Tod des Kindes. Bei einem leicht verengten Becken oder einer Wehenschwäche wurde eine Geburtszange eingesetzt. Die Geburtszange steht für die ersten Erfolge der ärztlichen Geburtshilfe. Geburtshelfer, die etwas auf sich hielten, entwickelten eine eigene Geburtszange. In Heidelberg hat der zweite Professor der 1805 eröffneten Entbindungsklinik der Universität, Franz Carl Naegele (1778-1851), die Geburtszange des Würzburger Geburtshelfers Hermann Joseph Brünninghausen (1761-1834) weiterentwickelt. Das auch heute noch als Naegele-Zange bezeichnete Instrument ist zu einer Standardzange geworden. Ärztliche Geburtshelfer wussten durch ihre Forschungen durch das Ausmessen des weiblichen Beckens, wenn eine natürliche Geburt nicht möglich war. Für diesen Fall boten sie den Frauen eine neue Methode an: die „künstliche Frühgeburt“. Mit einer langen Nadel, einem „Wassersprenger“ wurde im siebten Monat die Fruchtblase angestochen, um Wehen auszulösen. So bestand die geringe Hoffnung, dass Mutter und Kind die Geburt überlebten. Erst im Jahr 1881 gelang dem Heidelberger Prof. Ferdinand Adolf Kehrer (1837-1914) mit einer neuartigen Operationsmethode, mit der er den Bauch der Gebärenden horizontal statt vertikal aufschnitt, ein Kaiserschnitt, den die Frau und ihr Kind überlebten. Mit dieser neuartigen Schnittführung und der Einführung der aseptischen Operation war eine Möglichkeit gefunden, Frauen mit verengtem Becken und den Kindern das Leben zu retten. Heute ist der Kaiserschnitt ein Routineeingriff. Literaturempfehlung Jürgen Schlumbohm: Verbotene Liebe, verborgene Kinder: Das Geheime Buch des Göttinger Geburtshospitals, 17941857, Göttingen: Wallstein Verlag 2018. Prof. Dr. phil. Karen Nolte leitet das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, das sich nicht nur mit der Historie, sondern auch mit der Gegenwart beschäftigt. Den Lesern von GRNplus gibt sie regelmäßig Einblick in die Medizingeschichte. Dieses Mal schreibt sie über die Entstehung der medizinischen Geburtshilfe. Medizingeschichte klinischen Geburt Zur Geschichte der

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