GRN
Die Gesundheitszentren Rhein-Neckar

Pressemitteilung

04.12.2018

„Ethik-Battle“ in der GRN-Klinik Weinheim

Neu gegründete Ethik-AG näherte sich der selbst gestellten Thematik in einem ungewohnten Format

Seit Oktober 2017 besteht in der GRN-Klinik Weinheim eine Arbeitsgruppe, die sich mit ethischen Fragestellungen im Klinikalltag beschäftigt. Wenn auf einer Station Unsicherheiten oder ein Konflikt über die (Weiter-)Behandlung eines Patienten besteht, können sich Ärzte, Pflegekräfte, Patienten oder Angehörige Rat bei einem der Mitglieder der Ethik-AG holen. Diese unterstützen dabei, im Rahmen einer ethischen Fallbesprechung die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und eine Empfehlung zu erarbeiten.

Die „Kick-off-Veranstaltung“ der Ethik-AG fand im Oktober 2018 in einer ungewöhnlichen Form statt: einem sogenannten „Ethik-Battle“, angelehnt an das bekannte Format des „Science Battle“ oder „Science Slam“ - ein wissenschaftliches Kurzvortragsturnier, bei dem Wissenschaftler ihre Forschungsthemen innerhalb einer vorgegebenen Zeit vor Publikum präsentieren. Anschließend wird abgestimmt, welcher der Vorträge der überzeugendere war.

Dem Weinheimer Ethik Battle lag folgendes konstruiertes Fallbeispiel zugrunde: Eine ältere Dame wird mit dem Notarzt nach einer Wohnungsöffnung ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte sich mehrere Tage nicht gemeldet und lag hilflos auf dem Boden. Die Familienmitglieder berichten, sie habe „ihre Dinge nicht mehr so ganz im Griff“, auch würde ihre kognitive Leistungsfähigkeit abnehmen. Die Vermieterin, nach einem langen Mietverhältnis eine der engeren Bezugspersonen, berichtet von untragbaren Zuständen in der Wohnung. Sie – die Vermieterin – könne jedoch nicht die gesamte Fürsorge übernehmen und sich um alles kümmern. In der Vergangenheit sei auch die Feuerwehr schon im Einsatz gewesen bei einem Zimmerbrand wegen einer nicht ausgeschalteten Herdplatte.

Im Verlauf des Aufenthaltes stellt sich die Frage, ob die Patientin nach Hause entlassen werden kann oder besser in einem Pflegeheim untergebracht wird. Die Patientin sagt auf Nachfrage, sie wolle nach Hause. Die hinzugezogenen Neurologen äußern sich zweideutig: die Patientin sei zwar orientiert, angesichts der offensichtlichen häuslichen Missständen allerdings die Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung unter Umständen ratsam. Das ethische Problem, das sich stellte, wurde im Ethik Battle wie folgt formuliert: Soll die Patientin ihrem geäußerten Willen entsprechend nach Hause entlassen werden oder eine Heimunterbringung über eine gesetzliche Betreuung initiiert werden?

Im „Battle“ standen sich zwei „Kontrahenten“ gegenüber: Dr. Florian v. Pein, der sich für die Entlassung der Patientin nach Hause stark machte, und Prof. Dr. Christoph Eisenbach, der für die Heimunterbringung argumentierte. Sie tauschten in einem offenen Schlagabtausch Argumente für ihre jeweilige Position aus. Dabei kamen die vier Prinzipien der Medizinethik zur Sprache: 1. Patientenautonomie, 2. Fürsorge, 3. Nicht-Schaden und 4. Gerechtigkeit. Die Hauptdiskussion im vorliegenden Fall bewegte sich zwischen den Polen Autonomie und Fürsorge.

Nach dem halbstündigen Battle hielten die beiden Diskutanten ihr Abschluss-Plädoyer, und das Publikum stimmte ab: Das Ergebnis fiel mit nur einer Stimme Unterschied zugunsten der Fürsorge denkbar knapp aus und machte die Schwierigkeit und Komplexität ethischer Fragestellungen deutlich. Im konkreten Fall hätte demnach die Mehrheit der Gruppe eine weitere Versorgung der Patientin in einem Pflegeheim befürwortet.

Abschließend diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ethik Battle noch lange und engagiert weiter über den Fall. Barbara Scherer, Ethikberaterin in Weiterbildung und eine der Organisatorinnen der Veranstaltung, zieht eine erste Bilanz: „Alle haben den Ethik-Battle als sehr positiv und informativ wahrgenommen. Sie begrüßen die Implementierung eines klinischen Ethik-Komitees und dessen Arbeit. Somit sind wir mit diesem Thema in der GRN-Klinik Weinheim auf einem guten Weg.“

Die vier Prinzipien der Medizinethik

  1. Patientenautonomie: Das Autonomieprinzip gesteht jeder Person Entscheidungsfreiheit und das Recht auf Förderung der Entscheidungsfähigkeit zu. Es beinhaltet die Forderung des informierten Einverständnisses („informed consent“) vor jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme und die Berücksichtigung der Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Patienten.
  2. Nicht-Schaden: Das Prinzip der Schadensvermeidung fordert, schädliche Eingriffe zu unterlassen. Dies scheint zunächst selbstverständlich, kommt aber bei eingreifenden Therapien (z. B. Chemotherapie) häufig in Konflikt mit dem Prinzip der Fürsorge.
  3. Fürsorge: Das Prinzip der Fürsorge verpflichtet den Behandler zu aktivem Handeln, welches das Wohl des Patienten fördert und ihm nützt. Das Fürsorgeprinzip steht häufig im Konflikt mit dem Autonomieprinzip und dem Prinzip der Schadensvermeidung (s.o.). Hier sollte eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Schaden einer Maßnahme unter Einbeziehung der Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Patienten vorgenommen werden.
  4. Gerechtigkeit: Das Prinzip der Gerechtigkeit fordert eine faire Verteilung von Gesundheitsleistungen. Gleiche Fälle sollten gleich behandelt werden, bei Ungleichbehandlung sollten moralisch relevante Kriterien konkretisiert werden.

Die Mitglieder der Ethik-AG der GRN-Klinik Weinheim:

  • Prof. Dr. med. Christoph Eisenbach, Chefarzt Gastroenterologie, GRN-Klinik Weinheim
  • Dr. med. Florian von Pein, Chefarzt der Altersmedizin und GRN-Klinik und GRN-Klinik für Geriatrische Rehabilitation Weinheim
  • Monika Paschke-Koller, Diplomtheologin / Katholische Klinikseelsorgerin der Erzdiözese Freiburg, GRN-Kliniken und GRN-Betreuungszentrum Weinheim
  • Monika Schmitt, Gesundheits- und Krankenpflegerin / Pflegeberaterin im Entlassungsmanagement, GRN-Klinik Weinheim
  • Barbara Scherer, Gesundheits- und Krankenpflegerin / Ethikberaterin in Weiterbildung (AEM), GRN-Klinik Weinheim
  • Priv.-Doz. Dr. med. Elke Münch, Oberärztin Anästhesie, Ethikberaterin (AEM), GRN-Klinik Weinheim
  • Dr. med. Ronghui Wu, Facharzt Anästhesie, GRN-Klinik Weinheim
  • Petra Müller, Gesundheits- und Krankenpflegerin / Praxisanleiterin, GRN-Klinik Weinheim

Diskutierten im „Ethik Battle“ einen strittigen Fall: Dr. med. Florian von Pein (links) und Prof. Dr. med. Christoph Eisenbach.

Letzte Aktualisierung 18.12.18